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In
den Jahren 1971 und 1972 hatte Patricia Kennealy laut eigenen
Angaben einen nie veröffentlichten "Schlüsselroman über Jim
und mich" verfasst, den sie dann als Grundlage für das Buch
Strange Days nahm und "in die Biographieform zurückübersetzt(e)".
Bei diesem Verfahren hat sie sich offensichtlich eine weit
bedeutendere Rolle in Jim Morrisons Leben angedichtet, als
sie tatsächlich gespielt hat. Denn Patricia Kennealys Liebesgeschichte
zwischen dem berühmtesten amerikanischen Rocksänger der sechziger
Jahre und einer erfolgreichen Journalistin die sich nicht
damit begnügte, sich auszumalen, was wohl passieren würde,
wenn das Poster mit dem geliebten Star an der Wand plötzlich
lebendig würde, sondern alles daran setzte, diesen Traum Wirklichkeit
werden zu lassen hat leider mehrere Schönheitsfehler.
Zum einen hat Patricia Kennealy Jim Morrison
in einem Zeitraum von mehr als zwei Jahren (25. Januar 1969
bis 20. Februar 1971) bei ganzen neun (!) Anlässen, die im
Abstand von meist mehreren Monaten stattfanden, persönlich
getroffen, ihn dabei ziemlich genau an 34 Tagen gesehen und
nach eigenen Angaben etwa 22 Nächte mit ihm verbracht (da
sie jeden Schritt und Tritt, den sie mit Jim Morrison unternahm
bis ins hinterletzte Detail beschreibt, nehme ich an, daß
sie keines der ohnehin sehr dünn gesähten Treffen ausließ,
und ich unterstelle jetzt einmal nicht, daß sie welche hinzugedichtet
hat). Die Zeit, die Patricia Kennealy mit Jim Morrison verbrachte,
läßt sich also anhand ihrer eigenen Angaben auf gerade mal
drei bis vier Wochen summieren.
Zum anderen fanden die ersten fünf Treffen
ausschließlich dann statt, wenn Jim Morrison dessen Terminkalender
beileibe nicht so voll war, daß er sich nicht öfter bei ihr
blicken hätte lassen können ohnehin in New York war. Im
Juni 1970 flog Jim Morrison dann ein einziges Mal nach New
York, um Patricia Kennealy während eines Zwischenaufenthaltes
auf einer Reise nach Paris zu besuchen, und die restliche
Zeit ihrer Bekanntschaft mit Jim Morrison verbrachte sie damit,
ihm ein Mal nach Miami und zwei Mal nach Los Angeles hinterherzureisen.
Und nach allem, was Patricia Kennealy über ihr Verhalten nicht
nur Jim Morrison gegenüber während dieser Treffen schildert,
dürfte er von ihrer Anwesenheit alles andere als angetan gewesen
sein.
Hinzu kommt, daß in Patricia Kennealys Schilderungen
immer wieder störende Kleinigkeiten auftauchen. Zum Beispiel
gibt sie an einer Stelle an, sie hätte unter anderem deshalb
abgetrieben, weil sie Mangels Jim Morrisons Bereitschaft,
Unterhalt für ein Kind zu zahlen, das er nicht wollte, von
Sozialhilfe hätte leben müssen. Dies ist natürlich völliger
Blödsinn, denn Patricia Kennealy hätte in den USA anders
als zum Beispiel in Deutschland nicht nur Unterhalt für
das Kind, sondern auch noch eine immense Summe für sich selbst
einklagen können. Und das ohne sonderliche Schwierigkeiten,
denn bei eventueller Zahlungsunwilligkeit Jim Morrisons hätte
sie ohne weiteres über Elektra Records Zugang zu seinem Geld
bekommen können.
Andere störende Kleinigkeiten sind zum Beispiel,
daß Patricia Kennealy aus der 'Hexenhochzeit' im Juni 1970
nun plötzlich einen mords Hau macht, obwohl sie selbst 1986
in einem Interview mit Victoria Balfour (die sie in Strange
Days nun der Verfälschung des Interviews bezichtigt) angab,
daß Jim Morrison diese Hochzeit wahrscheinlich überhaupt nicht
ernst genommen habe, und dies 1989 dabei ausdrücklich auf
das Interview mit Victoria Balfour angesprochen in einem
Interview mit Ko Lankester (der in der Danksagung von Strange
Days erwähnt wird) wiederholte. In diesem Interview mit
Ko Lankester gibt Patricia Kennealy übrigens auch an, sie
würde den posthum veröffentlichten Jim-Morrison-Gedichtband
Wildnis selbst dann nicht lesen, wenn man ihr eine
Pistole an den Kopf halten würde, schreibt dann aber in Strange
Days, sie hätte in der Druckerei, bei der sie angestellt
war, die Druckfahnen zu Wildnis (dessen amerikanische
Originalausgabe im November 1988 erschienen ist) korrekturlesen
müssen...
Eine weitere störende Kleinigkeit halte
ich persönlich für ziemlich bezeichnend: An einer Stelle entrüstet
sich Patricia Kennealy darüber, in welch erbärmlichem Zustand
sie Jim Morrisons Grab kurz nach seiner Beerdigung vorfand
und brüstet sich dann damit, wie viele Tonnen an Blumen sie
daraufhin an sein Grab geschafft habe. Dieses Blumenmeer ist
jedoch auf keinem einzigen Foto, das Patricia Kennealy nicht
nur in Strange Days, sondern auch in verschiedenen
anderen Publikationen veröffentlicht hat, zu sehen. Sie
hat also zuerst fotografiert, dann das Grab geschmückt, und
hinterher darauf verzichtet, zumindest ein einziges Foto vom
geschmückten Grab zu machen? Na, ja... Da drängt sich wohl
eher der Verdacht auf, daß Patricia Kennealys Blumenmeer nur
in ihrer Phantasie existierte.
Natürlich kann man mir zumindest in diesem
Fall nun Kleinkrämerei vorwerfen, aber derartige störende
Kleinigkeiten finden sich in Patricia Kennealys Buch gar viele,
und zusammengenommen ergeben sie eben genau das Bild, das
Patricia Kennealy gleichzeitig geradezu krampfhaft und äußerst
wortreich wegzudiskutieren versucht. Warum Jim Morrison im
März 1971 lieber seiner langjährigen Freundin Pamela Courson
nach Paris hinterherreiste obwohl (oder gerade weil?) diese
drauf und dran war, eine Affäre mit einem reichen französischen
Adligen zu beginnen anstatt zu seiner heißgeliebten Patricia
nach New York zu ziehen, wo er ebenfalls problemlos in die
Anonymität abtauchen hätte können, erklärt sich praktisch
von selbst.
Man braucht also nicht einmal die Aussagen
anderer Leute, zum Beispiel die einer engen Freundin von Patricia
Kennealy namens Janet Erwin, die in Strange Days als
eine oberflächliche Bekannte namens 'Tiffany' dargestellt
wird (und die im Februar 1971 selbst eine kurze Affäre mit
Jim Morrison hatte), heranzuziehen, um zu wissen, daß es mit
Patricia Kennealys selbsterklärter Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit
nicht allzu weit her ist: Diese Freundin erzählte im März
1999, daß sich Patricia Kennealys Liebesaffäre mit Jim Morrison
lediglich auf einen Zeitraum von etwa eineinhalb Wochen im
Juni 1970 beschränkte; daß Patricia Kennealy hauptsächlich
deshalb abtreiben ließ, weil sie nicht sicher war, daß das
Kind tatsächlich von Jim Morrison stammte, ihm aber trotzdem,
verbunden mit massiven Drohungen, einredete, das Kind stamme
von ihm (in diesem Fall hätte ihr bei Zahlungsunfähigkeit
des wirklichen Vaters in der Tat der Gang zum Sozialamt gedroht);
daß Patricia Kennealy die Abtreibung nur deshalb so lange
hinauszögerte, bis sie auch für sie selbst zu einer lebensgefährlichen
Angelegenheit wurde, weil sie hoffte, Jim Morrison dazu bewegen
zu können, das Kind noch vor der Geburt als sein eigenes anzuerkennen,
oder sie aus Mitleid zu heiraten (und damit selbstverständlich
volle Unterhaltsansprüche zu erlangen somit erklären sich
auch Patricia Kennealys geradezu suchthafte Versuche, mit
absoluter Gewissheit herauszufinden, ob Jim Morrison und Pamela
Courson verheiratet waren oder nicht); daß sich Jim Morrison
nach Juni 1970 nur noch deshalb mit Patricia Kennealy abgab,
weil er tatsächlich glaubte, das Kind wäre von ihm gewesen
und er wegen der Abtreibung Schuldgefühle gegenüber Patricia
Kennealy hatte, aber ansonsten erklärtermaßen absolut nichts
mehr mit ihr zu tun haben wollte; daß Patricia Kennealy Anfang
Februar 1971 nur deshalb für längere Zeit nach Los Angeles
kam, um sich diesesmal mit absoluter Gewissheit von Jim Morrison
schwängern zu lassen... Und das sind eben genau die Dinge,
die man in Patricia Kennealys Schilderungen ohnehin zwischen
den Zeilen lesen kann.
Natürlich
entbehrt Patricia Kennealys Buch nicht auch einer gewissen
Tragik, denn am Ende des Buches angekommen merkt wirklich
jeder, daß ihre 'kosmische Liebesgeschichte' nichts anderes
als ein Luftschloss ist, das auf Treibsand gebaut wurde, und
daß die einzige, die dies bis heute nicht gemerkt zu haben
scheint (oder seit geraumer Zeit nun nicht mehr wissen will),
Patricia Kennealy ist. Sie verscherzt sich jedoch systematisch
und konsequent jegliche Anteilnahme und Sympathie des Lesers,
indem sie mit Ausnahme von vielleicht zwei oder drei Leuten
buchstäblich über alle, die ihr scheinbar jemals begegnet
sind, Gift und Galle verspritzt und ihnen Tod, Teufel und
die Pest an den Hals wünscht.
Letztendlich
erfahren wir in diesem Buch restlos alles über Patricia Kennealy,
über ihren äußerst zweifelhaften Charakter, und vor allem
Dinge, die uns in Bezug auf Jim Morrison oder die Doors nie
interessiert haben. Wir erfahren weiterhin ziemlich viel darüber,
was Patricia Kennealy von Jim Morrison hielt aber ehrlich,
wen interessiert das schon? Vor allem aber erfahren wir in
diesem Buch so gut wie garnichts über Jim Morrison.
Janet
M. Erwin (Albuquerque, New Mexico, March 1999): Ich
habe nur noch dies über meine ehemalige Freundin zu sagen:
Ich habe nicht die geringsten Sympathien mehr für sie
übrig. Diese starben einen sehr schnellen Tod als No
One Here Gets Out Alive veröffentlicht wurde und
ich die wahre Patricia in ihrer ganzen zweifelhaften Herrlichkeit
sah; und als 1986 das Buch Rock Wives erschien, in
dem sie nicht nur ihre ursprünglichen Märchen noch
weiter aufblies, sondern auch einige meiner Erlebnisse in
sie hineintransplantierte. Sie hat wiederholt ihren völligen
Mangel an Stolz demonstriert, ihren Mangel an Zuneigung für
irgendjemanden außer für ihr jämmerliches
Selbst, und, vor allem, ihren wahrhaft bösartigen und
rachsüchtigen Charakter.
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